Wer oder was ruft mich? Welchem Ruf folge ich? Finde ich in meinem Beruf meine Berufung? Woher weiß ich, wozu ich berufen bin? Und wie nehme ich diesen Ruf überhaupt wahr? Folge ich mit meiner Berufung meiner Begabung?
Berufung wird nicht im Lärm der Welt hörbar, sondern in der Stille. Erst wenn wir still werden, können wir wahrnehmen, was uns im Innersten bewegt und wohin unser Leben uns ruft.
Wenn ich meiner Berufung nicht folge, lebe ich nicht aus meiner Mitte heraus. Ich bleibe hinter meinen Möglichkeiten zurück und kann nur schwer zu dem Menschen werden, der ich im Innersten bin.
Was ist meine Begabung? Eine Begabung ist eine Gabe, die in mir angelegt ist. Sie möchte entfaltet werden und kann zu meiner Aufgabe, vielleicht sogar zu meinem Lebenssinn werden. Berufung ist der Ruf, diese Gabe zu entfalten und zum Wohl anderer sowie zur Erfüllung des eigenen Lebens einzusetzen.
Ein souveränes Leben führt der Mensch, dessen Begabung und Berufung zusammenfinden – der also die Aufgabe erkennt und annimmt, zu der er berufen ist.
Doch woher wissen wir, was unsere Begabung ist und wozu wir berufen sind? Beide lassen sich nicht voneinander trennen. Die Begabung zeigt, was in uns angelegt ist. Die Berufung weist uns den Weg, wie diese Gabe Gestalt gewinnen kann. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht das Gefühl, am richtigen Platz zu sein und dem Sinn des eigenen Lebens näherzukommen.
So erging es einer Mitarbeiterin in einer Verwaltung. Viele Jahre arbeitete sie dort. Sie schätzte die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, war jedoch nie wirklich glücklich. Tief in ihrem Innersten spürte sie, dass ihr etwas Wesentliches fehlte.
Die Wende kam eher zufällig. Eine Freundin bat sie, bei der Gestaltung ihres Gartens zu helfen. Dabei entdeckte sie ihre Liebe zu Pflanzen, zur Natur und zur kreativen Gestaltung von Gärten. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, etwas zu tun, das ihr wirklich entsprach.
Sie fasste einen mutigen Entschluss, kündigte ihre Stelle in der Verwaltung und absolvierte eine Ausbildung zur Gärtnerin. Heute arbeitet sie als erfolgreiche Gartenarchitektin. In ihrer Arbeit verbinden sich ihre Begabung und ihre Berufung. Sie hat ihren Platz gefunden.
Auch ich selbst habe erst in späten Jahren eine weitere Begabung entdeckt, die lange Zeit in mir geschlummert hatte: das Schreiben. Als Autor und Publizist gebe ich heute Gedanken weiter, die über viele Jahre in mir gereift sind. Darüber freue ich mich und bin dankbar. Es hat mich gelehrt, dass sich Berufung nicht ein für alle Mal festlegt. Sie kann wachsen, sich wandeln und uns auch in einer späteren Lebensphase neu begegnen.
Vielleicht beginnt der Weg zur Souveränität mit einer einfachen Frage: Lebe ich das Leben, zu dem ich berufen bin – oder nur das, was andere von mir erwarten?