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Erwartungen und Enttäuschungen

Ganz bewusst habe ich diese beiden Themen zusammen gewählt. Erwartungen und Enttäuschungen gehören eng zusammen. Doch warum ist das so? Wie entstehen Erwartungen? Haben wir manchmal überzogene Erwartungen? Und weshalb sind wir enttäuscht, wenn sie sich nicht erfüllen?

Vor Jahren hörte ich einmal eine Definition, die mich bis heute begleitet:

Eine Erwartung ist ein Vertrag mit einem anderen Menschen, von dem dieser nichts weiß.

Ich finde, diese Aussage bringt das Wesentliche auf den Punkt.

Wir haben Erwartungen an andere Menschen und sind enttäuscht, wenn sie diese nicht erfüllen. Wir laden beispielsweise Freunde zu einem Fest ein. Einige, mit denen wir fest gerechnet haben, sagen kurzfristig ab oder erscheinen gar nicht. Plötzlich bestimmt die Enttäuschung unsere Stimmung und wir können das eigentliche Fest kaum noch genießen.

Doch Erwartungen richten sich nicht nur an Menschen. Wir haben sie ebenso an Veranstaltungen, Urlaubsreisen, Konzerte, Restaurants oder Produkte. Wir freuen uns auf einen Abend mit unserer Lieblingsband und gehen mit hohen Erwartungen dorthin. Hinterher sind wir enttäuscht, weil die Musik zu laut war, unsere Lieblingslieder nicht gespielt wurden oder wir schlechte Plätze hatten.

Wie entstehen solche Erwartungen?

Manche beruhen auf eigenen Erfahrungen. Waren wir bereits einmal Gast in einem Hotel und wurden hervorragend betreut, erwarten wir beim nächsten Aufenthalt mindestens den gleichen guten Service.

Andere entstehen durch Empfehlungen. Ein guter Freund empfahl mir einmal einen Wanderweg, den ich unbedingt gehen müsse. Meine Erwartungen waren entsprechend hoch. Als ich ihn schließlich wanderte, stellte ich fest, dass er überhaupt nicht meinen Vorstellungen eines schönen Wanderwegs entsprach.

Hinzu kommen die Erwartungen, die Werbung und Marketing gezielt erzeugen. Da ist die Creme, die angeblich nach einer Woche sichtbar Falten reduziert, das Shampoo für kräftigen Haarwuchs oder die Regenjacke, die selbst Sturm und Dauerregen trotzen soll.

Auch an Politik, Ärzte, Erzieher oder die öffentliche Verwaltung stellen wir häufig hohe Erwartungen. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn wir lange warten müssen, medizinische Hilfe nicht den erhofften Erfolg bringt oder unser Kind nicht die Betreuung erhält, die wir uns wünschen.

Ich erinnere mich an einen Mann aus meiner Männerberatung. Er sagte einmal zu mir: „Ich habe überhaupt keine Erwartungen mehr. Dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.“

Damals fragte ich mich, ob das wirklich der richtige Weg ist.

Ich glaube nicht. Erwartungen gehören zum Menschsein. Entscheidend ist nicht, ob wir Erwartungen haben, sondern wie wir mit ihnen umgehen.

Souveräne Menschen haben durchaus Erwartungen. Sie prüfen jedoch, ob diese realistisch sind und ob der andere Mensch oder ein Produkt überhaupt in der Lage ist, sie zu erfüllen. Und wenn sie enttäuscht werden, fragen sie sich zunächst, woher ihre Erwartung eigentlich kam.

Denn eine Enttäuschung bedeutet oft, dass wir unsere Wunschvorstellung gegen die Wirklichkeit eintauschen müssen. Dieser Moment kann schmerzhaft sein. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Realität klarer zu sehen und die eigenen Erwartungen künftig bewusster zu gestalten.

Wenn du also das nächste Mal enttäuscht bist, kritisiere nicht sofort den anderen oder ein nicht erfülltes Versprechen. Frage dich zunächst: Woher kam meine Erwartung? War sie überhaupt realistisch? Und gab es vielleicht schon vorher Hinweise darauf, dass sie sich nicht erfüllen würde?

Wer sich diese Fragen stellt, wird Enttäuschungen nicht völlig vermeiden. Aber er wird gelassener mit ihnen umgehen können.

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