Es ist ein Irrtum zu glauben, ein Mensch müsse sich seinen Wert erst verdienen oder rechtfertigen. Unsere Würde hängt nicht davon ab, wie erfolgreich, leistungsfähig oder nützlich wir sind. Wo Menschen vor allem nach ihrer Leistung und ihrem Nutzen beurteilt werden, besteht die Gefahr, dass sie zum Mittel für bestimmte Zwecke und letztlich zu einer Ressource werden, die man einsetzen und verwerten kann.
Die Würde des Menschen hat für mich einen anderen Ursprung. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass der Mensch existiert, dass er gewollt ist und dass es einen Grund gibt, warum er auf dieser Welt ist. Deshalb kann seine grundlegende Würde weder erworben noch verdient werden. Sie muss auch nicht bewiesen werden. Sie ist uns mit unserem Leben gegeben. In diesem Sinne verstehe ich Würde als ein Geschenk.
Gleichzeitig müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Achtung der Menschenwürde auch in unserer Zeit keineswegs selbstverständlich ist. Gefahren entstehen dort, wo Menschen zunehmend auf Daten, ihre Leistungsfähigkeit oder ihren wirtschaftlichen Nutzen reduziert werden. Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz kann dazu beitragen, wenn der Mensch nicht mehr als selbstbestimmtes Subjekt, sondern vor allem als berechenbares und beeinflussbares Objekt betrachtet wird.
Eine weitere Gefahr sehe ich in autoritären Tendenzen und in Versuchen, demokratische Strukturen und rechtsstaatliche Prinzipien zu schwächen. Wo Menschen eingeschüchtert, manipuliert oder durch vermeintlich einfache Lösungen beeinflusst werden, geraten Freiheit und Selbstbestimmung unter Druck. Damit wird auch die Würde des Menschen berührt.
In meinem Buch Souverän leben setze ich mich intensiver mit diesen Entwicklungen auseinander. Denn für mich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Würde und Souveränität. Souverän zu leben bedeutet auch, sich seiner eigenen Würde bewusst zu sein und sich nicht zum Objekt fremder Interessen machen zu lassen.
Dabei dürfen wir jedoch nicht nur auf unsere eigene Würde achten. Ebenso wichtig ist es, die Würde des anderen zu respektieren und zu schützen. Das gilt unabhängig davon, woher ein Mensch kommt, was er glaubt, wie er lebt, was er leistet oder welche Stellung er in unserer Gesellschaft einnimmt. Gerade im Umgang mit Minderheiten zeigt sich, wie ernst eine Gesellschaft den Gedanken der Menschenwürde tatsächlich nimmt. Ihre Würde ist nicht geringer als die irgendeines anderen Menschen.
Wenn wir die Würde als ein Geschenk betrachten, das jedem Menschen mit seiner Geburt gegeben ist und das ihm niemand nehmen darf, ergeben sich daraus Konsequenzen für unser Zusammenleben. Wir können unsere eigene Würde nicht glaubwürdig einfordern und gleichzeitig die Würde anderer missachten.
Ich würde diesen Gedanken sogar noch weiterführen. Auch die Natur darf aus meiner Sicht nicht ausschließlich danach beurteilt werden, welchen Nutzen sie für uns Menschen hat. Wenn wir ihr einen eigenen Wert und vielleicht sogar eine eigene Würde zugestehen, verändert sich auch unser Verhältnis zu ihr. Aus Nutzung kann Achtung und aus Verfügbarkeit Verantwortung werden.
Für mich ist die Würde des Menschen eine Quelle seiner Souveränität. Sie erinnert uns daran, dass unser Wert nicht davon abhängt, was andere aus uns machen wollen oder was wir leisten können. Gleichzeitig verpflichtet sie uns, die Würde anderer zu achten.
Deshalb sollten wir sensibel werden für Situationen, in denen Menschen erniedrigt, ausgegrenzt, manipuliert oder zum bloßen Mittel für fremde Zwecke gemacht werden. Und manchmal bedeutet Souveränität auch, nicht zu schweigen, sondern einzuschreiten.
Denn die Würde des Menschen zu achten bedeutet nicht nur, die eigene zu bewahren. Es bedeutet auch, für die Würde des anderen einzustehen.
Einige dieser Gedanken beruhen auf der neuen Enzyklika von Papst Leo XIV., Magnifica humanitas.